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Bundesbrief
und Rütlischwur (1291)
Die Eidgenossenschaft
entstand als loses Bündnis von drei Talschaften am Vierwaldstättersee:
Uri, Schwyz und Unterwalden. Als Tag der Gründung gilt der 1.
August 1291, an dem der Bundesbrief unterzeichnet wurde. Diesem Datum
wurde mangels genauer Überlieferung später auch der legendäre
Gründungsakt zugeordnet, bei dem sich die Vertreter der Urkantone
auf der Rütliwiese gegenseitigen Beistand geschworen haben sollen
(Rütlischwur).
Bündische
Einigungen waren in der feudalen Reichsordnung durchaus typisch (z.B. 1254:
Rheinischer Bund, 1488: Schwäbischer Bund), doch keine war ähnlich
dauerhaft wie die Eidgenossenschaft, die von ihrer geographischen Randlage
und anhaltenden militärischen Erfolgen (1499: Schwabenkrieg) profitieren
konnte. Ursprünglich lehnte sich dieser Bund gegen die Vögte
der Grafen von Habsburg auf. Über den Wortlaut des Schwurs sind
keine Details bekannt; auch Zeit und Umstände sind lediglich als Legende
überliefert. Gleichwohl ist der 1. August heute Nationalfeiertag
der Schweiz.
-
Der lateinische Bundesbrief von 1291 ist in deutscher Übersetzung
auf den Seiten
der Bundesverwaltung publiziert. Der hier wiedergegebene
Text des Rütlischwur ist (mangels Überlieferung) kein verfassungsgeschichtlicher,
sondern ein literarischer: Friedrich Schiller, Wilhelm Tell. Schauspiel
zum Neujahrsgeschenk auf 1805, Tübingen 1804.
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Friedrich
Schiller:
Wilhelm
Tell, II. Aufzug, Zweite Szene
| Eine
Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit
Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen
sieht. Im Hintergrund zeigt sich der See, über welchem anfangs ein
Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schliessen hohe Berge, hinter
welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf
der Szene, nur der See und die weissen Gletscher leuchten im Mondlicht.
Melchtal,
Baumgarten, Winkelried, Meier von Sarnen, Burkhardt am Bühel, Arnold
von Sewa, Klaus von der Flüe und noch vier andere Landleute,
alle bewaffnet. |
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Melchtal
(noch
hinter der Szene):
Der
Bergweg öffnet sich, nur frisch mir nach,
Den
Fels erkenn ich und das Kreuzlein drauf,
Wir
sind am Ziel, hier ist das Rütli.
Treten
auf mit Windlichtern.
Winkelried:
Horch!
Sewa:
Ganz
leer.
Meier:
's
ist noch kein Landmann da. Wir sind
Die
ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.
Melchtal:
Wie
weit ist's in der Nacht?
Baumgarten:
Der
Feuerwächter
Vom
Selisberg hat eben zwei gerufen.
Man
hört in der Ferne läuten.
Meier:
Still!
Horch!
Am
Bühel:
Das
Mettenglöcklein in der Waldkapelle
Klingt
hell herüber aus dem Schwyzerland.
Von
der Flüe:
Die
Luft ist rein und trägt den Schall soweit.
Melchtal:
Gehn
einige und zünden Reisholz an,
Dass
es loh brenne, wenn die Männer kommen.
Zwei
Landleute gehen.
Sewa:
's
ist eine schöne Mondennacht. Der See
Liegt
ruhig da als wie ein ebner Spiegel.
Am
Bühel:
Sie
haben eine leichte Fahrt.
Winkelried
(zeigt nach dem See):
Ha
seht!
Seht
dorthin! Seht ihr nichts?
Meier:
Was
denn? - Ja wahrlich!
Ein
Regenbogen mitten in der Nacht!
Melchtal:
Es
ist das Licht des Mondes das ihn bildet.
Von
der Flüe:
Das
ist ein seltsam wunderbares Zeichen!
Es
leben viele, die das nicht gesehn.
Sewa:
Er
ist doppelt, seht, ein blässerer steht drüber.
Baumgarten:
Ein
Nachen fährt soeben drunter weg.
Melchtal:
Das
ist der Stauffacher mit seinem Kahn,
Der
Biedermann lässt sich nicht lang erwarten.
Geht
mit Baumgarten nach dem Ufer.
Meier:
Die
Urner sind es, die am längsten säumen.
Am
Bühel:
Sie
müssen weit umgehen durchs Gebirg,
Dass
sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.
Unterdessen
haben die zwei Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezündet.
Melchtal
(am Ufer):
Wer
ist da? Gebt das Wort!
Stauffacher(von
unten):
Freunde
des Landes.
Alle
gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn steigen Stauffacher,
Itel Reding, Hans auf der Mauer, Jörg im Hofe, Konrad Hunn, Ulrich
der Schmied, Jost von Weiler, und noch drei andere Landleute, gleichfalls
bewaffnet.
Alle
(rufen):
Willkommen!
Indem
die übrigen in der Tiefe verweilen und sich begrüssen, kommt
Melchtal mit Stauffacher vorwärts.
Melchtal:
O
Herr Stauffacher! Ich hab ihn
Gesehn,
der mich nicht wiedersehen konnte!
Die
Hand hab ich gelegt auf seine Augen,
Und
glühend Rachgefühl hab ich gesogen
Aus
der erloschnen Sonne seines Blicks.
Stauffacher:
Sprecht
nicht von Rache. Nicht Geschehnes rächen,
Gedrohtem
Uebel wollen wir begegnen.
-
Jetzt sagt, was Ihr im Unterwaldner Land
Geschafft
und für gemeine Sach geworben,
Wie
die Landleute denken, wie Ihr selbst
Den
Stricken des Verrats entgangen seid.
Melchtal:
Durch
der Surennen furchtbares Gebirg,
Auf
weit verbreitet öden Eisesfeldern,
Wo
nur der heisre Lämmergeier krächzt,
Gelangt
ich zu der Alpentrift, wo sich
Aus
Uri und vom Engelberg die Hirten
Anrufend
grüssen und gemeinsam weiden,
Den
Durst mir stillend mit der Gletscher Milch,
Die
in den Runsen schäumend niederquillt.
In
den einsamen Sennhütten kehrt ich ein.
Mein
eigner Wirt und Gast, bis dass ich kam
Zu
Wohnungen gesellig lebender Menschen.
-
Erschollen war in diesen Tälern schon
Der
Ruf des neuen Greuels der geschehn,
Und
fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück
Vor
jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte.
Entrüstet
fand ich diese graden Seelen
Ob
dem gewaltsam neuen Regiment,
Denn
so wie ihre Alpen fort und fort
Dieselben
Kräuter nähren, ihre Brunnen
Gleichförmig
fliessen, Wolken selbst und Winde
Den
gleichen Strich unwandelbar befolgen,
So
hat die alte Sitte hier vom Ahn
Zum
Enkel unverändert fortbestanden,
Nicht
tragen sie verwegne Neuerung
Im
altgewohnten gleichen Gang des Lebens.
-
Die harten Hände reichten sie mir dar,
Von
den Wänden langten sie die rost'gen Schwerter,
Und
aus den Augen blitzte freudiges
Gefühl
des Muts, als ich die Namen nannte,
Die
im Gebirg dem Landmann heilig sind,
Den
Eurigen und Walther Fürsts - Was Euch
Recht
würde dünken, schwuren sie zu tun,
Euch
schwuren sie bis in den Tod zu folgen.
-
So eilt' ich sicher unterm heil'gen Schirm
Des
Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte -
Und
als ich kam ins heimatliche Tal,
Wo
mir die Vettern viel verbreitet wohnen -
Als
ich den Vater fand, beraubt und blind,
Auf
fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit
Mildtät'ger
Menschen lebend -
Stauffacher:
Herr
im Himmel!
Melchtal:
Da
weint ich nicht! Nicht in ohnmächt'gen Tränen
Goss
ich die Kraft des heissen Schmerzens aus,
In
tiefer Brust wie einen teuern Schatz
Verschloss
ich ihn und dachte nur auf Taten.
Ich
kroch durch alle Krümmen des Gebirgs,
Kein
Tal war so versteckt, ich späht es aus,
Bis
an der Gletscher eisbedeckten Fuss
Erwartet
ich und fand bewohnte Hütten,
Und
überall, wohin mein Fuss mich trug,
Fand
ich den gleichen Hass der Tyrannei,
Denn
bis an diese letzte Grenze selbst
Belebter
Schöpfung, wo der starre Boden
Aufhört
zu geben, raubt der Vögte Geiz -
Die
Herzen alle dieses biedern Volks
Erregt'
ich mit dem Stachel meiner Worte,
Und
unser sind sie all mit Herz und Mund.
Stauffacher:
Grosses
habt Ihr in kurzer Frist geleistet.
Melchtal:
Ich
tat noch mehr. Die beiden Festen sind's
Rossberg
und Sarnen, die der Landmann fürchtet,
Denn
hinter ihren Felsenwällen schirmt
Der
Feind sich leicht und schädiget das Land.
Mit
eignen Augen wollt ich es erkunden,
Ich
war zu Sarnen und besah die Burg.
Stauffacher:
Ihr
wagtet Euch bis in des Tigers Höhle?
Melchtal:
Ich
war verkleidet dort in Pilgerstracht,
Ich
sah den Landvogt an der Tafel schwelgen -
Urteilt,
ob ich mein Herz bezwingen kann,
Ich
sah den Feind und ich erschlug ihn nicht.
Stauffacher:
Fürwahr
das Glück war Eurer Kühnheit hold.
Unterdessen
sind die andern Landleute vorwärts gekommen und nähern sich den
beiden.
Doch
jetzo sagt mir, wer die Freunde sind,
Und
die gerechten Männer, die Euch folgten?
Macht
mich bekannt mit ihnen, dass wir uns
Zutraulich
nahen und die Herzen öffnen.
Meier:
Wer
kennt Euch nicht, Herr, in den drei Landen?
Ich
bin der Mei'r von Sarnen, dies hier ist
Mein
Schwestersohn, der Struth von Winkelried.
Stauffacher:
Ihr
nennt mir keinen unbekannten Namen.
Ein
Winkelried war's der den Drachen schlug
Im
Sumpf bei Weiler und sein Leben liess
In
diesem Strauss.
Winkelried:
Das
war mein Ahn, Herr Werner.
Melchtal
(zeigt auf seine Landleute):
Die
wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute
Vom
Engelberg - Ihr werdet sie drum nicht
Verachten,
weil sie eigne Leute sind,
Und
nicht wie wir frei sitzen auf dem Erbe -
Sie
lieben's Land, sind sonst auch wohl berufen.
Stauffacherzu
den beiden:
Gebt
mir die Hand. Es preise sich, wer keinem
Mit
seinem Leibe pflichtig ist auf Erden,
Doch
Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.
Konrad
Hunn:
Das
ist Herr Reding, unser Altlandammann.
Meier:
Ich
kenn ihn wohl. Er ist mein Widerpart,
Der
um ein altes Erbstück mit mir rechtet.
-
Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht,
Hier
sind wir einig.
Schüttelt
ihm die Hand.
Stauffacher:
Das
ist brav gesprochen.
Winkelried:
Hört
ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!
Rechts
und links sieht man bewaffnete Männer mit Windlichtern die Felsen
herabsteigen.
Auf
der Mauer:
Seht!
Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes,
Der
würd'ge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er
Des
Weges Mühen und das Graun der Nacht,
Ein
treuer Hirte für das Volk zu sorgen.
Baumgarten:
Der
Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst,
Doch
nicht den Tell erblick ich in der Menge.
Walther
Fürst, Rösselmann der Pfarrer, Petermann der Sigrist,
Kuoni
der Hirt, Werni der Jäger,
Ruodi der Fischer und noch
fünf andere Landleute, alle zusammen dreiundreissig an der
Zahl, treten vorwärts und stellen sich um das Feuer.
Walther
Fürst:
So
müssen wir auf unserm eigenen Erb
Und
väterlichem Boden uns verstohlen
Zusammenschleichen
wie die Mörder tun,
Und
bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel
Nur
dem Verbrechen und der sonnenscheuen
Verschwörung
leihet, unser gutes Recht
Uns
holen, das doch lauter ist und klar,
Gleichwie
der glanzvoll offne Schoss des Tages.
Melchtal:
Lasst's
gut sein. Was die dunkle Nacht gesponnen,
Soll
frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.
Rösselmann:
Hört
was mir Gott ins Herz gibt, Eidgenossen!
Wir
stehen hier statt einer Landsgemeinde,
Und
können gelten für ein ganzes Volk,
So
lasst uns tagen nach den alten Bräuchen
Des
Lands, wie wir's in ruhigen Zeiten pflegen,
Was
ungesetzlich ist in der Versammlung,
Entschuldige
die Not der Zeit. Doch Gott
Ist
überall, wo man das Recht verwaltet,
Und
unter seinem Himmel stehen wir.
Stauffacher:
Wohl,
lasst uns tagen nach der alten Sitte,
Ist
es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.
Melchtal:
Ist
gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier
Des
ganzen Volks, die Besten sind zugegen.
Konrad
Hunn:
Sind
auch die alten Bücher nicht zur Hand,
Sie
sind in unsre Herzen eingeschrieben.
Rösselmann:
Wohlan,
so sei der Ring sogleich gebildet,
Man
pflanze auf die Schwerter der Gewalt.
Auf
der Mauer:
Der
Landesammann nehme seinen Platz,
Und
seine Weibel stehen ihm zur Seite!
Sigrist:
Es
sind der Völker dreie. Welchem nun
Gebührt's,
das Haupt zu geben der Gemeinde?
Meier:
Um
diese Ehr mag Schwyz mit Uri streiten,
Wir
Unterwaldner stehen frei zurück.
Melchtal:
Wir
stehn zurück, wir sind die Flehenden,
Die
Hülfe heischen von den mächt'gen Freunden.
Stauffacher:
So
nehme Uri denn das Schwert, sein Banner
Zieht
bei den Römerzügen uns voran.
Walther
Fürst:
Des
Schwertes Ehre werde Schwyz zuteil,
Denn
seines Stammes rühmen wir uns alle.
Rösselmann:
Den
edeln Wettstreit lasst mich freundlich schlichten,
Schwyz
soll im Rat, Uri im Felde führen.
Walther
Fürst reicht dem Stauffacher die Schwerter.
So
nehmt!
Stauffacher:
Nicht
mir, dem Alter sei die Ehre.
Im
Hofe:
Die
meisten Jahre zählt Ulrich der Schmied.
Auf
der Mauer:
Der
Mann ist wacker, doch nicht freien Stands,
Kein
eigner Mann kann Richter sein in Schwyz.
Stauffacher:
Steht
nicht Herr Reding hier der Altlandammann?
Was
suchen wir noch einen Würdigern?
Walther
Fürst:
Er
sei der Ammann und des Tages Haupt!
Wer
dazu stimmt erhebe seine Hände.
Alle
heben die rechte Hand auf.
Reding
(tritt in die Mitte):
Ich
kann die Hand nicht auf die Bücher legen,
So
schwör ich droben bei den ew'gen Sternen,
Dass
ich mich nimmer will vom Recht entfernen.
Man
richtet die Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich um ihn her, Schwyz
hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unterwalden. Er steht
auf sein Schlachtschwert gestützt.
Was
ist's, das die drei Völker des Gebirgs
Hier
an des Sees unwirtlichem Gestade
Zusammenführte
in der Geisterstunde?
Was
soll der Inhalt sein des neuen Bunds,
Den
wir hier unterm Sternenhimmel stiften?
Stauffacher
(tritt in den Ring):
Wir
stiften keinen neuen Bund, es ist
Ein
uralt Bündnis nur von Väterzeit,
Das
wir erneuern! Wisset Eidgenossen!
Ob
uns der See, ob uns die Berge scheiden,
Und
jedes Volk sich für sich selbst regiert,
So
sind wir eines Stammes doch und Bluts,
Und
eine Heimat ist's, aus der wir zogen.
Winkelried:
So
ist es wahr, wie's in den Liedern lautet,
Dass
wir von fernher in das Land gewallt?
O
teilt's uns mit, was Euch davon bekannt,
Dass
sich der neue Bund am alten stärke.
Stauffacher:
Hört,
was die alten Hirten sich erzählen.
-
Es war ein grosses Volk, hinten im Lande
Nach
Mitternacht, das litt von schwerer Teurung.
In
dieser Not beschloss die Landsgemeinde,
Dass
jeder zehnte Bürger nach dem Los
Der
Väter Land verlasse - das geschah!
Und
zogen aus, wehklagend, Männer und Weiber,
Ein
grosser Heerzug, nach der Mittagsonne,
Mit
dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land,
Bis
an das Hochland dieser Waldgebirge.
Und
eher nicht ermüdete der Zug,
Bis
dass sie kamen in das wilde Tal,
Wo
jetzt die Muotta zwischen Wiesen rinnt -
Nicht
Menschenspuren waren hier zu sehen,
Nur
eine Hütte stand am Ufer einsam,
Da
sass ein Mann, und wartete der Fähre -
Doch
heftig wogete der See und war
Nicht
fahrbar; da besahen sie das Land
Sich
näher und gewahrten schöne Fülle
Des
Holzes und entdeckten gute Brunnen,
Und
meinten, sich im lieben Vaterland
Zu
finden - Da beschlossen sie zu bleiben,
Erbaueten
den alten Flecken Schwyz,
Und
hatten manchen sauren Tag, den Wald
Mit
weitverschlungenen Wurzeln auszuroden -
Drauf
als der Boden nicht mehr Gnügen tat
Der
Zahl des Volks, da zogen sie hinüber
Zum
schwarzen Berg, ja bis ans Weissland hin,
Wo
hinter ew'gem Eiseswall verborgen,
Ein
andres Volk in andern Zungen spricht.
Den
Flecken Stanz erbauten sie am Kernwald,
Den
Flecken Altdorf in dem Tal der Reuss -
Doch
blieben sie des Ursprungs stets gedenk,
Aus
all den fremden Stämmen, die seitdem
In
Mitte ihres Lands sich angesiedelt,
Finden
die Schwyzer Männer sich heraus,
Es
gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.
Reicht
rechts und links die Hand hin.
Auf
der Mauer:
Ja
wir sind eines Herzens, eines Bluts!
Alle
(sich die Hände reichend):
Wir
sind ein Volk, und einig wollen wir handeln.
Stauffacher:
Die
andern Völker tragen fremdes Joch,
Sie
haben sich dem Sieger unterworfen.
Es
leben selbst in unsern Landesmarken
Der
Sassen viel, die fremde Pflichten tragen,
Und
ihre Knechtschaft erbt auf ihre Kinder.
Doch
wir,
der alten Schweizer echter Stamm,
Wir
haben stets die Freiheit uns bewahrt.
Nicht
unter Fürsten bogen wir das Knie,
Freiwillig
wählten wir den Schirm der Kaiser.
Rösselmann:
Frei
wählten wir des Reiches Schutz und Schirm,
So
steht's bemerkt in Kaiser Friedrichs Brief.
Stauffacher:
Denn
herrenlos ist auch der Freiste nicht.
Ein
Oberhaupt muss sein, ein höchster Richter,
Wo
man das Recht mag schöpfen in dem Streit
Drum
haben unsre Väter für den Boden,
Den
sie der alten Wildnis abgewonnen,
Die
Ehr gegönnt dem Kaiser, der den Herrn
Sich
nennt der deutschen und der welschen Erde,
Und
wie die andern Freien seines Reichs
Sich
ihm zu edelm Waffendienst gelobt,
Denn
dieses ist der Freien einz'ge Pflicht,
Das
Reich zu schirmen, das sie selbst beschirmt.
Melchtal:
Was
drüber ist, ist Merkmal eines Knechts.
Stauffacher:
Sie
folgten, wenn der Heribann erging,
Dem
Reichspanier und schlugen seine Schlachten.
Nach
Welschland zogen sie gewappnet mit,
Die
Römerkron ihm auf das Haupt zu setzen.
Daheim
regierten sie sich fröhlich selbst
Nach
altem Brauch und eigenem Gesetz,
Der
höchste Blutbann war allein des Kaisers.
Und
dazu ward bestellt ein grosser Graf,
Der
hatte seinen Sitz nicht in dem Lande,
Wenn
Blutschuld kam, so rief man ihn herein,
Und
unter offnem Himmel, schlicht und klar,
Sprach
er das Recht und ohne Furcht der Menschen.
Wo
sind hier Spuren, dass wir Knechte sind?
Ist
einer, der es anders weiss, der rede!
Im
Hofe:
Nein,
so verhält sich alles wie Ihr sprecht,
Gewaltherrschaft
ward nie bei uns geduldet.
Stauffacher:
Dem
Kaiser selbst versagten wir Gehorsam,
Da
er das Recht zugunst der Pfaffen bog.
Denn
als die Leute von dem Gotteshaus
Einsiedeln
uns die Alp in Anspruch nahmen,
Die
wir beweidet seit der Väter Zeit,
Der
Abt herfürzog einen alten Brief,
Der
ihm die herrenlose Wüste schenkte -
Denn
unser Dasein hatte man verhehlt -
Da
sprachen wir: »Erschlichen ist der Brief,
Kein
Kaiser kann was unser ist verschenken.
Und
wird uns Recht versagt vom Reich, wir können
In
unsern Bergen auch des Reichs entbehren.«
-
So sprachen unsere Väter! Sollen wir
Des
neuen Joches Schändlichkeit erdulden,
Erleiden
von dem fremden Knecht, was uns
In
seiner Macht kein Kaiser durfte bieten?
-
Wir haben diesen Boden uns erschaffen
Durch
unsrer Hände Fleiss, den alten Wald,
Der
sonst der Bären wilde Wohnung war,
Zu
einem Sitz für Menschen umgewandelt,
Die
Brut des Drachen haben wir getötet,
Der
aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg,
Die
Nebeldecke haben wir zerrissen,
Die
ewig grau um diese Wildnis hing,
Den
harten Fels gesprengt, über den Abgrund
Dem
Wandersmann den sichern Steg geleitet,
Unser
ist durch tausendjährigen Besitz
Der
Boden - und der fremde Herrenknecht
Soll
kommen dürfen und uns Ketten schmieden,
Und
Schmach antun auf unsrer eignen Erde?
Ist
keine Hülfe gegen solchen Drang?
Eine
grosse Bewegung unter den Landleuten.
Nein,
eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn
der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn
unerträglich wird die Last - greift er
Hinauf
getrosten Mutes in den Himmel,
Und
holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die
droben hangen unveräusserlich
Und
unzerbrechlich wie die Sterne selbst -
Der
alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo
Mensch dem Menschen gegenübersteht -
Zum
letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen
will, ist ihm das Schwert gegeben -
Der
Güter höchstes dürfen wir verteid'gen
Gegen
Gewalt - Wir stehn vor unser Land,
Wir
stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!
Alle(an
ihre Schwerter schlagend):
Wir
stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!
Rösselmann(tritt
in den Ring):
Eh
ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl.
Ihr
könnt es friedlich mit dem Kaiser schlichten.
Es
kostet euch ein Wort und die Tyrannen,
Die
euch jetzt schwer bedrängen, schmeicheln euch.
-
Ergreift, was man euch oft geboten hat,
Trennt
euch vom Reich, erkennet Östreichs Hoheit -
Auf
der Mauer:
Was
sagt der Pfarrer? Wir zu Östreich schwören!
Am
Bühel:
Hört
ihn nicht an!
Winkelried:
Das
rät uns ein Verräter,
Ein
Feind des Landes!
Reding:
Ruhig
Eidgenossen!
Sewa:
Wir
Östreich huldigen, nach solcher Schmach!
Von
der Flüe:
Wir
uns abtrotzen lassen durch Gewalt,
Was
wir der Güte weigerten!
Meier:
Dann
wären
Wir
Sklaven und verdienten es zu sein!
Auf
der Mauer:
Der
sei gestossen aus dem Recht der Schweizer,
Wer
von Ergebung spricht an Österreich!
-
Landammann, ich bestehe drauf, dies sei
Das
erste Landsgesetz, das wir hier geben.
Melchtal:
So
sei's. Wer von Ergebung spricht an Östreich,
Soll
rechtlos sein und aller Ehren bar,
Kein
Landmann nehm ihn auf an seinem Feuer.
Alle(heben
die rechte Hand auf):
Wir
wollen es, das sei Gesetz!
Reding(nach
einer Pause):
Es
ist's.
Rösselmann:
Jetzt
seid ihr frei, ihr seid's durch dies Gesetz,
Nicht
durch Gewalt soll Österreich ertrotzen
Was
es durch freundlich Werben nicht erhielt -
Jost
von Weiler:
Zur
Tagesordnung, weiter.
Reding:
Eidgenossen!
Sind
alle sanften Mittel auch versucht?
Vielleicht
weiss es der König nicht, es ist
Wohl
gar sein Wille nicht, was wir erdulden.
Auch
dieses letzte sollten wir versuchen,
Erst
unsre Klage bringen vor sein Ohr,
Eh
wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer
Auch
in gerechter Sache ist Gewalt,
Gott
hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.
Stauffacher(zu
Konrad Hunn):
Nun
ist's an Euch, Bericht zu geben. Redet.
Konrad
Hunn:
Ich
war zu Rheinfeld an des Kaisers Pfalz,
Wider
der Vögte harten Druck zu klagen,
Den
Brief zu holen unsrer alten Freiheit,
Den
jeder neue König sonst bestätigt.
Die
Boten vieler Städte fand ich dort,
Vom
schwäb'schen Lande und vom Lauf des Rheins,
Die
all erhielten ihre Pergamente,
Und
kehrten freudig wieder in ihr Land.
Mich,
euren
Boten, wies man an die Räte,
Und
die entliessen mich mit leerem Trost:
»Der
Kaiser habe diesmal keine Zeit,
Er
würde sonst einmal wohl an uns denken.«
-
Und als ich traurig durch die Säle ging
Der
Königsburg, da sah ich Herzog Hansen
In
einem Erker weinend stehn, um ihn
Die
edeln Herrn von Wart und Tegerfeld.
Die
riefen mir und sagten: »Helft euch selbst,
Gerechtigkeit
erwartet nicht vom König.
Beraubt
er nicht des eignen Bruders Kind,
Und
hinterhält ihm sein gerechtes Erbe?
Der
Herzog fleht' ihn um sein Mütterliches,
Er
habe seine Jahre voll, es wäre
Nun
Zeit, auch Land und Leute zu regieren.
Was
ward ihm zum Bescheid? Ein Kränzlein setzt' ihm
Der
Kaiser auf: das sei die Zier der Jugend.«
Auf
der Mauer:
Ihr
habt's gehört. Recht und Gerechtigkeit
Erwartet
nicht vom Kaiser! Helft euch selbst!
Reding:
Nichts
andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rat,
Wie
wir es klug zum frohen Ende leiten.
Walther
Fürst (tritt in den Ring):
Abtreiben
wollen wir verhassten Zwang,
Die
alten Rechte, wie wir sie ererbt
Von
unsern Vätern, wollen wir bewahren,
Nicht
ungezügelt nach dem Neuen greifen.
Dem
Kaiser bleibe, was des Kaisers ist,
Wer
einen Herrn hat, dien ihm pflichtgemäss.
Meier:
Ich
trage Gut von Österreich zu Lehen.
Walther
Fürst:
Ihr
fahret fort, Östreich die Pflicht zu leisten.
Jost
von Weiler:
Ich
steure an die Herrn von Rappersweil.
Walther
Fürst:
Ihr
fahret fort, zu zinsen und zu steuern.
Rösselmann:
Der
grossen Frau zu Zürch bin ich vereidet.
Walther
Fürst:
Ihr
gebt dem Kloster was des Klosters ist.
Stauffacher:
Ich
trage keine Lehen als des Reichs.
Walther
Fürst:
Was
sein muss, das geschehe, doch nicht drüber.
Die
Vögte wollen wir mit ihren Knechten
Verjagen
und die festen Schlösser brechen,
Doch
wenn es sein mag, ohne Blut. Es sehe
Der
Kaiser, dass wir notgedrungen nur
Der
Ehrfurcht fromme Pflichten abgeworfen.
Und
sieht er uns in unsern Schranken bleiben,
Vielleicht
besiegt er staatsklug seinen Zorn,
Denn
bill'ge Furcht erwecket sich ein Volk,
Das
mit dem Schwerte in der Faust sich mässigt.
Reding:
Doch
lasset hören! Wie vollenden wir's?
Es
hat der Feind die Waffen in der Hand,
Und
nicht fürwahr in Frieden wird er weichen.
Stauffacher:
Er
wird's, wenn er in Waffen uns erblickt,
Wir
überraschen ihn, eh er sich rüstet.
Meier:
Ist
bald gesprochen, aber schwer getan.
Uns
ragen in dem Land zwei feste Schlösser,
Die
geben Schirm dem Feind und werden furchtbar,
Wenn
uns der König in das Land sollt fallen.
Rossberg
und Sarnen muss bezwungen sein,
Eh
man ein Schwert erhebt in den drei Landen.
Stauffacher:
Säumt
man so lang, so wird der Feind gewarnt,
Zu
viele sind's, die das Geheimnis teilen.
Meier:
In
den Waldstätten findt sich kein Verräter.
Rösselmann:
Der
Eifer auch, der gute, kann verraten.
Walther
Fürst:
Schiebt
man es auf, so wird der Twing vollendet
In
Altdorf und der Vogt befestigt sich.
Meier:
Ihr
denkt an euch.
Sigrist:
Und
ihr seid ungerecht.
Meier(auffahrend):
Wir
ungerecht! Das darf uns Uri bieten!
Reding:
Bei
eurem Eide! Ruh!
Meier:
Ja,
wenn sich Schwyz
Versteht
mit Uri, müssen wir wohl schweigen.
Reding:
Ich
muss euch weisen vor der Landsgemeinde,
Dass
ihr mit heft'gem Sinn den Frieden stört!
Stehn
wir nicht alle für dieselbe Sache?
Winkelried:
Wenn
wir's verschieben bis zum Fest des Herrn
Dann
bringt's die Sitte mit, dass alle Sassen
Dem
Vogt Geschenke bringen auf das Schloss,
So
können zehen Männer oder zwölf
Sich
unverdächtig in der Burg versammeln,
Die
führen heimlich spitz'ge Eisen mit,
Die
man geschwind kann an die Stäbe stecken,
Denn
niemand kommt mit Waffen in die Burg.
Zunächst
im Wald hält dann der grosse Haufe,
Und
wenn die andern glücklich sich des Tors
Ermächtiget,
so wird ein Horn geblasen,
Und
jene brechen aus dem Hinterhalt,
So
wird das Schloss mit leichter Arbeit unser.
Melchtal:
Den
Rossberg übernehm ich zu ersteigen,
Denn
eine Dirn des Schlosses ist mir hold,
Und
leicht betör ich sie, zum nächtlichen
Besuch
die schwanke Leiter mir zu reichen,
Bin
ich droben erst, zieh ich die Freunde nach.
Reding:
Ist's
aller Will, dass verschoben werde?
Die
Mehrheit erhebt die Hand.
Stauffacher(zählt
die Stimmen):
Es
ist ein Mehr von zwanzig gegen zwölf!
Walther
Fürst:
Wenn
am bestimmten Tag die Burgen fallen,
So
geben wir von einem Berg zum andern
Das
Zeichen mit dem Rauch, der Landsturm wird
Aufgeboten,
schnell, im Hauptort jedes Landes,
Wenn
dann die Vögte sehn der Waffen Ernst,
Glaubt
mir, sie werden sich des Streits begeben,
Und
gern ergreifen friedliches Geleit,
Aus
unsern Landesmarken zu entweichen.
Stauffacher:
Nur
mit dem Gessler fürcht ich schweren Stand,
Furchtbar
ist er mit Reisigen umgeben,
Nicht
ohne Blut räumt er das Feld, ja selbst
Vertrieben
bleibt er furchtbar noch dem Land,
Schwer
ist's und fast gefährlich, ihn zu schonen.
Baumgarten:
Wo's
halsgefährlich ist, da stellt mich hin,
Dem
Tell verdank ich mein gerettet Leben,
Gern
schlag ich's in die Schanze für das Land,
Mein'
Ehr hab ich beschützt, mein Herz befriedigt.
Reding:
Die
Zeit bringt Rat. Erwartet's in Geduld.
Man
muss dem Augenblick auch was vertrauen.
-
Doch seht, indes wir nächtlich hier noch tagen,
Stellt
auf den höchsten Bergen schon der Morgen
Die
glühnde Hochwacht aus - Kommt, lasst uns scheiden,
Eh
uns des Tages Leuchten überrascht.
Walther
Fürst:
Sorgt
nicht, die Nacht weicht langsam aus den Tälern.
Alle
haben unwillkürlich die Hüte abgenommen und betrachten mit stiller
Sammlung die Morgenröte.
Rösselmann:
Bei
diesem Licht, das uns zuerst begrüsst
Von
allen Völkern, die tief unter uns
Schweratmend
wohnen in dem Qualm der Städte,
Lasst
uns den Eid des neuen Bundes schwören.
-
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In
keiner Not uns trennen und Gefahr.
Alle
sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.
-
Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher
den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wie
oben.
-
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und
uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
Wie
oben. Die Landleute umarmen einander.
Stauffacher:
Jetzt
gehe jeder seines Weges still
Zu
seiner Freundschaft und Genoßsame,
Wer
Hirt ist, wintre ruhig seine Herde,
Und
werb im stillen Freunde für den Bund,
-
Was noch bis dahin muss erduldet werden,
Erduldet's!
Lasst die Rechnung der Tyrannen
Anwachsen,
bis ein Tag die allgemeine
Und
die besondre Schuld auf einmal zahlt.
Bezähme
jeder die gerechte Wut,
Und
spare für das Ganze seine Rache,
Denn
Raub begeht am allgemeinen Gut,
Wer
selbst sich hilft in seiner eignen Sache.
Indem
sie zu drei verschiednen Seiten in grösster Ruhe abgehen, fällt
das Orchester mit einem prachtvollen Schwung ein, die leere Szene bleibt
noch eine Zeitlang offen und zeigt das Schauspiel der aufgehenden Sonne
über den Eisgebirgen.
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